Ein neues Medikament  -  L E M T R A D A  (Alemtuzumab)

Eine neue Therapieoption zur Behandlung der schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose.

Einen neue therapeutische Option steht seit November 2013 für Patienten mit schubförmiger remittierender MS (RRMS) in Österreich zur Verfügung. Alemtuzumab (Lemtrada) unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den bereits zur Verfügung stehenden Arzneimitteln, welche den Krankheitsverlauf der RRMS stabilisieren können. Lemtrada konnte in zwei Zulassungsstudien eine hohe Wirksamkeit nachweisen. Allerdings können bedeutsame Nebenwirkungen auftreten (z. B. andere Autoimmunerkrankungen), weshalb ein engmaschiges Monitoring über einen längeren Zeitraum erforderlich ist.

Artikel von Ulf Baumhackl (Wien) und Thomas Berger (Innsbruck)
erschienen in der Ausgabe 04/2013 der Zeitschrift Horizonte                                          Artikel hier als PDF


NEUE  Therapieoption  -  Z U S A M M E N F A S S U N G

Die Behandlung mit Lemtrada stellt eine neue, hochwirksame Therapiemöglichkeit der RRMS dar und vermag - individuell zugeschnitten auf)  MS-Patienten mit "aggressivem Verlauf" - das Spektrum der Therapieoptionen zu vergößern. Die Einschränkung der Indikation ist auf das spezielle Nutzen-Risiko-Profil zurückzuführen. In Studien konnte eine deutlich höhere Wirksamkeit (Reduktion der Anzahl der Erkrankungsschüben, Verbesserung neurologischer Funktionen, Zahl von Patienten, die frei von Krankheitsaktivität sind) gegenüber einer Basistherapie mit Interferon-beta gezeigt werden. Die auftretenden Nebenwirkungen erfordern allerdings ein spezielles Patientenmanagement, d. h. Maßnahmen zur Verbesserung des Sicherheitsprofils. Neben der Bedeutung einer tragfähigen Arzt-Patienten-Beziehung sind in diesem Zusammenhang auch speziell bereitgestellte Materialien (Leitfaden, Karte und Handbuch für Patienten) anzuführen.


Für welche Patienten kommt Lemtrada infrage?

Die weltweit erste Zulassung des Medikamentes erfolgte im September 2013 durch Europäische Kommission zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit RRMS, wobei der Nachweis einer Krankheitsaktivität im klinischen Befund oder in der Bildgebung (MRT) vorliegen muss. Nach Expertenmeinung kommen Patienten mit hoher Erkrankungsaktivität infrage, die man klinisch durch Erkrankungsschübe und neurologische Funktionsstörungen sowie in der Bildgebung durch neu hinzugekommene Entzündungsherde diagnostizieren kann. Im engeren Sinn ist damit eine aggressive Form oder Phase der MS gemeint, welche durch erhebliche neurologische Symptome mit unvollständiger Rückbildung und einen relativ raschen Erkrankungsverlauf seit Erkrankungsbeginn charakterisiert ist. Die Beurteilung, ob eine hohe Krankheitsaktivität vorliegt, erfolgt gemeinsam mit den behandelnden Neurologen, die MS-Spezialwissen besitzen.

Welche Studien wurden durchgeführt?

Zur Zulassung für die Behandlung einer RRMS wurden zwei Phase-III-Studien durchgeführt, wobei insgesamt 1.421 Patienten eingeschlossen wurden. Untersucht wurde die Wirksamkeit von Alemtuzumab im Vergleich zu einer Behandlung mit Interferon-beta-1a 44 dreimal pro Woche s.c. Die Studie CARE-MS-I untersuchte Patienten, die bisher noch keine MS-Therapie erhalten hatten, die zweite Studie (MS-CARE-II) wurde mit Patienten durchgeführt, die unter der vorangegangenen Behandlung mindestens einen Erkrankungsschub aufwiesen. Anders ausgedrückt: In der Studie I wurden therapienaive Patienten mit RRMS eingeschlossen (das bedeutet, dass vorher noch keine MS-Medikamente gegeben wurden), in Studie II wurden Patienten mit RRMS untersucht, die trotz Vorbehandlung eine klinische Krankheitsaktivität aufwiesen. In beiden Studien konnte gezeigt werden, dass über einen Zeitraum von jeweils zwei Jahren Alemtuzumab wirksamer war als die .Behandlung mit Interferon-beta

Welcher Wirkmechanismus wird angenommen?

Es handelt sich um einen weiteren humanisierten monoklonalen Antikörper. Die zirkulierenden B- und T-Zellen werden selektiv reduziert, dadurch erfolgt eine Unterdrückung der entzündlichen Prozesse bei der RRMS. Man ist der Ansicht, dass in weiterer Folge das Immunsystem "neu zusammengesetzt" wird, den positiven Therapieeffekt erklärt man sich durch eine "bessere Balance" des Immunsystems.

Wie läuft die Behandlung ab?

Es gibt zwei kurze stationäre Behandlungsphasen und eine lange ambulante Nachbeobachtungszeit. In der ersten stationären Behandlungsphase wird Lemtrada 12mg intravenös an fünf aufeinanderfolgenden Tagen jeweils als Infusion verabreicht. Eine zweite stationäre Behandlungsphase über drei Tage (jeweils eine Infusion zu 12mg) erfolgt zwölf Monate später. Die nachfolgenden ambulanten Kontrolluntersuchungen ("Monitoring") sind für 48 Monate nach der letzten Infusionsgabe vorgeschrieben. Nach bisherigen Erfahrungen (es liegen Daten über einen Zeitraum von fünf Jahren vor) wurde eine dritte Behandlungsphase mit neuerlichen Infusionen bei rund 20% der Patienten durchgeführt, wenn nach zunächst gutem Therapieansprechen im Beobachtungszeitraum der Nachweis einer neuerlichen Krankheitsaktivität gegeben war. Die Langzeiterfahrungen sind wie bei jeder neuen Behandlungsform vorläufig begrenzt.

Welches Sicherheitsrisiko besteht bei dieser neuen Therapiemöglichkeit?

Neben einer speziellen Aufklärung über die Therapie ist eine Patientenüberwachung in Form festgelegter Kontrolluntersuchungen erforderlich ("Patientenmanagemekent"), um etwaige Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen. Durch eine gut funktionierende Arzt-Patienten-Beziehung können Gegenmaßnahmen bei unerwünschter Arzneimittelwirkungen rasch vorgenommen werden. Die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen bis 48 Monate nach der letzten verabreichten Infusion beinhalten monatlich Blutbild, Nierenfunktion) und Harnbefund sowie vierteljährlich Schilddrüsen-Laboruntersuchungen. Eventuell auftretende Infusionsreaktionen während der stationären Aufenthalte können durch begleitende medikamentöse Maßnahmen beherrscht werden. Besondere Beachtung muss dem Neuauftreten von Autoimmunerkrankungen geschenkt werden; ursächlich wird dafür eine überschießende Reaktion des Immunsystems verantwortlich gemacht (auch die MS wird zu den Autoimmunerkrankungen gezählt): Schilddrüsenfunktionsstörungen wurden in der über fünf Jahren laufenden Verlängerungsstudie bei einem Drittel der Patienten beobachtet, andere Krankheitsbilder (Nieren), Blutplättchen) traten selten auf (bis zu 1%). Die Patienten müssen von ihrem Neurologen sehr gut informiert und vorbereitet werden, da ein frühes Erkennen dieser sekundären Autoimmunerkrankungen effektive Gegenmaßnahmen möglich macht. Die monatlichen Kontrollen beim Arzt über einen langen Zeitraum stellen einen Prüfstein der Zusammenarbeit von Arzt und Patient dar, auch weil diese Untersuchungen eventuell zum Zeitpunkt einer anhaltenden Stabilisierung der MS mit vielleicht subjektiver Beschwerdefreiheit durchgeführt werden.