MULTIPLE SKLEROSE - und Arbeit


Die in Folge angeführte Erklärung ist als Information gedacht um
Betroffenen, deren Angehörigen und interessierten Personen Grundinformationen
über die Krankheit Multiple Sklerose im Zusammenhang mit Arbeit zu vermitteln!!!


Wer mit der Diagnose Multiple Sklerose konfrontiert wird, stellt sich sicher die Frage, ob er mit MS überhaupt arbeiten bzw. weiterarbeiten kann. Da MS vorwiegend im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auftritt, betrifft diese Frage auch viele junge Menschen, die gerade nicht nur privat, sondern auch beruflich die Weichen stellen für eine aktive Zukunft gemäß ihren persönlichen Vorstellungen.

Da die Rechtslage und die Bestimmungen sehr komplex sind, kann hier nur eine Auswahl besprochen werden, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Informationen aus dem Internet sind sehr hilfreich.


Was bedeutet die Diagnose MS für mich als Arbeitnehmer?

Trotz MS erfolgreich im Beruf stehen - das ist möglich. Denn: MS ist behandelbar! Erfolg im Beruf und finanzielle Sicherheit tragen wesentlich zur Lebensqualität der Betroffenen bei. Kurz nach der Diagnose MS stellen sich viele Fragen:
                                         - Muss ich meinem Arbeitgeber/in die Diagnose mitteilen?
                                         - Wann soll das geschehen?
                                         - Wieviel soll ich sagen?
MS ist KEINE meldepflichtige Erkrankung. Es gilt, eine auf die individuelle Situation abgestimmte, gut bedachte Entscheidung zu treffen, ob und wann man die Diagnose am Arbeitsplatz mitteilt. Entscheidet man sich für ein Gespräch, so ist es vor allem wichtig, die individuellen Bedürfnisse auch mit Teamkollegen/innen abzusprechen. Die offene Kommunikation führt dazu, dass jeder Mitarbeiter/in trotz Krankheit all seine/ihre Stärken im Team einbringen kann. Unterstützung am Arbeitsalltag mit MS gibt es von vielen Seiten: Hilfe kannst du dir bei Beratungsstellen (Arbeiterkammer, Sozialministeriumservice...) holen.

So kannst du deinen Arbeitsalltag mit MS meistern:

   - Kommuniziere mit deinen Kollegen/innen über die Erkrankung.
   - Gutes Zeitmanagement wirkt bei Tagesschwankungen in der Leistungsfähigkeit.
   - Versuche kurze Ruhepausen/Entspannungsübungen in den Arbeitsalltag zu integrieren.
   - Technische Hilfen/Arbeitsplatzadaptierungen können deine tägliche Arbeit erleichtern.
   - Überlege Möglichkeiten, deine Tätigkeit strukturell auf deine Bedürfnisse abzustimmen und sprich mit
     deinem Vorgesetzten darüber.

Arbeitssuche (bzw. Wechsel der Arbeitsstelle:

Bei der Arbeitssuche bekommst du Unterstützung durch:

   - das Arbeitsmarktservice (AMS)
   - das Jugendcoaching (ein Angebot des Sozialministeriumservice, das gemeinsam mit ausgrenzungs-
     gefährdeten Jugendlichen das individuell am besten geeignete Maßnahmepaket zur beruflichen
     Integration erarbeitet
   - die Arbeitsassistenz
Das Verbot einer Diskriminierung auf Grund einer Behinderung in der Arbeitswelt ist im Behinderteneinstellungsgesetz geregelt, weswegen die Diskriminierung bei Begründung des Arbeitsverhältnisses (Bewerbung, Einstellung) verboten ist.

Bei Stellenantritt:

Das Behinderteneinstellungsgesetz gebietet es, dass alle Dienstgeber/innen, die im Bundesgebiet 25 oder mehr Dienstnehmer/innen beschäftigen, verpflichtet sind, auf je 25 Dienstnehmer/innen mindestens einen begünstigten Behinderten einzustellen (§1 BEinstG).
Kommen die Arbeitgeber/innen dieser Verpflichtung nicht nach, ist eine Ausgleichstaxe von € 253,00 - bei 100-399 Dienstnehmer/innen € 355,00 - ab 400 Dienstnehmer/innen  € 377,00  je offener Pflichtstelle zu leisten.

Begünstigte Behinderte sind österreichische Staatsbürger/innen mit einerm Grad der Behinderung von mindestens 50%. Unionsbürger/innen, Flüchtlinge denen Asyl gewährt wurde und Drittstaatsangehörige, die berechtigt sind, sich in Österreich aufzuhalten um einer Beschäftigung nachzugehen, sind Österreicher/innen gleichgestellt.


Eine Entgeltbeihilfe kann bei Beschäftigung begünstigter Behinderter zum Ausgleich von behinderungsbedingten Leistungseinschränkungen gewährt werden. Die Zuschusshöhe beträgt 50% der Berechnungsbasis (monatliches Bruttoentgelt ohne Sonderzahlungen, zuzüglich einer Pauschalabgeltung für die Lohnnebenkosten von maximal 50%) und monatlich maximal € 700,00.


Ist der Arbeits- oder Ausbildungsplatz einer Person mit Behinderung gefährdet, kann mittels Arbeitsplatzsicherungsbeihilfe für die Zeit des Vorliegens der Gefährdung ein Zuschuss zu den Lohn- und Ausbildungskosten bis zu drei Jahren gewährt werden. Der Zuschuss ist wie bei der Entgeltbeihilfe zu berechnen.

Bei bestehendem Arbeitsverhältnis:

In jedem Betrieb, in dem dauernd mindestens fünf begünstigte behinderte Arbeitnehmer/innen beschäftigt werden, sind von diesen eine Behindertenvertrauensperson und ein/e oder mehrere Stellvertreter/innen zu wählen. Die Zahl der Stellvertreter/innen ist abhängig von der Anzahl der im Betrieb beschäftigten begünstigten Dienstnehmer/innen.

Begünstigte Behinderte (Feststellung mittels Bescheid) haben einen erhöhten Kündigungsschutz (§8 BEinstG). Erhöhter Kündigungsschutz bedeutet, dass Dienstgeber/innen vor Ausspruch der Kündigung die Zustimmung des Behindertenausschusses einholen müssen.

Dieser Kündigungsschutz besteht:
   - ab dem vierten Jahr eines ab 01.01.2011 neu begünstigten Dienstverhältnisses mit einem/er
     begünstigten Dienstnehmers/in
   - ab dem siebten Monat eines vor dem 01.01.2011 begründeten Dienstverhältnisses
   - ab dem siebten Monat eines bestehenden Dienstverhältnisses mit ursprünglich noch nicht begünstigten
     Dienstnehmer/in, die während ihres Dienstverhältnisses begünstigte Dienstnehmer wurden

Die Meldepflicht einer Krankheit ist unter dem Aspekt der allgemeinen Treuepflicht der Arbeitnehmer/innen zu beleuchten. Eine allgemeine Treuepflicht ist im Gesetz aber nur in Ansätzen verankert. Hauptsächlich geht es dabei um Unterlassungspflichten (Wahrung von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen, Konkurrenzverbot).
Zu einem positiven Tun könnten Arbeitnehmer/innen verpflichtet sein, wenn es darum geht, die Arbeitgeber/innen vor drohenden Schäden zu bewahren, bzw. zur Verhinderung von möglichen Schäden beizutragen. Bei Berufen mit einer gewissen Risikoneigung, Menschen oder Maschinen durch die Auswirkungen der chronischen Erkrankung in Gefahr zu bringen (z. B.: Fernfahrer, Pilot...), könnten Arbeitgeber/innen bei grobfahrlässiger Dienstpflichtsverletzung einen etwaigen Schaden vom Erkrankten zurückfordern. Selbstverständlich muß man unabhängig von einer Wiedergutmachung auch mit einer Kündigung rechnen.

Wie schon zuvor erwähnt, ist die Diskriminierung auf Grund einer Behinderung in der Arbeitswelt verboten. Der Schutz vor Diskriminierung auf Grund der Behinderung gilt z. B.: bei Begründung des Arbeitsverhältnisses, Festsetzung der Entlohnung, Gewährung freiwilliger Sozialleistungen durch den Arbeitgeber/in, Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung sowie Umschulung, beruflichem Aufstieg etc. Vom Diskriminierungsverbot geschützt sind nicht nur Menschen mit Behinderungen selbst, sondern auch Personen, die sich in einem Naheverhältnis befinden. Arbeitgeber/innen sind verpflichtet, die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen, um Menschen mit Behinderungen den Zugang zur Beschäftigung, zur Ausübung ihres Berufes, zum beruflichen Aufstieg und zur Teilnahme an Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen zu ermöglichen. Zur Rechtsdurchsetzung besteht jedenfalls die Möglichkeit einer Klage auf Schadenersatz, teilweise auch auf Beseitigung des diskriminierenden Zustandes. Diskriminierende Beendigungen von Arbeitsverhältnissen können gerichtlich angefochten werden.

Das Gesetz sagt "du kannst einklagen" - der Verstand sagt "und was nützt es?"

 

Arbeitspensum reduzieren:

Du kannst damit rechnen, dass insbesondere die körperliche Belastbarkeit während eines Tages abnehmen kann. Weiterhin sollst du bedenken, dass auch MS-Kranke ohne jegliche Behinderung rascher ermüden als völlig gesunde Menschen. Es ist besser, wenn du dies akzeptierst und dich so früh wie möglich auf eine - wenn auch nur leichte - Abnahme deiner Belastbarkeit einstellst. Mach dir und deinen Arbeitskollegen/innen klar, dass du gerne bereit bist, genauso viel zu leisten wie alle anderen, dass du dazu aber häufiger Pausen einlegen müsstest. Wenn du deinen Kollegen/innen erklärst, dass dein Befinden oftmals von Gegebenheiten, wie der Außentemperatur empflindlich gestört werden kann, haben deine Arbeitskollegen/innen vielleicht mehr Verständnis für dich. Vielleicht hast du z. B.: die Möglichkeit an einem heißen Tag früher nach Hause zu gehen und dafür an einem kühleren Tag länger in der Firma zu bleiben.

Begünstigte Arbeitnehmer haben keinen Rechtsanspruch auf Teilzeitbeschäftigung. Dennoch könnte vielleicht eine etwaige Förderung (Entgeltbeihilfe, Arbeitsplatzsicherungsbeihilfe...) dazu motivieren, eine an MS erkrankte Person in Teilzeit zu beschäftigen. Für die älteren an MS erkrankten Arbeitnehmer/innen könnte die Altersteilzeit unter Umständen eine Lösung bringen. Beim Model Altersteilzeit können Arbeitnehmer/innen ihre Arbeitszeit um 40%-60% verringern, erhalten mit einem Zuschuss des Arbeitsmarktservice (AMS) zwischen 70% und 80% des bisherigen Einkommens. Die Sozialversicherungsanteile für Kranken-, Pensions- und Arbeitslosenversicherung werden in der bisherigen Höhe vom Arbeitgeber/in weiterbezahlt. Das Zugangsalter für die Altersteilzeit beträgt für Frauen 53 Jahre, für Männer 58 Jahre und ist völlig unabhängig von einer Erkrankung.

Bedarfsorientierte Mindestsicherung:

Für diejenigen, die krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten können, würde die sogenannte Bedarfsorientierte Mindestsicherung eine finanzielle Stütze bieten. Für allfällige Sonder- bzw. Zusatzbedarfe können zusätzlich Leistungen erbracht werden, allerdings besteht auf diese kein Rechtsanspruch.
Die Bedarfsorientierte Mindestsicherung gebührt zwölfmal im Jahr und beträgt im Jahr 2017  für Alleinstehende oder Alleinerziehende  € 921,30 und für Paare  € 1.570,40. Bevor die Bedarfsorientierte Mindessicherung in Anspruch genommen werden kann, muss vorhandenes Vermögen verwertet werden. Ersparnisse bis zu einem Freibetrag in Höhe der fünffachen Leistungshöhe für Alleinstehende  (Freibetrag 2017  € 4.222,30), Gegenstände zur Erwerbsausübung oder Befriedigung angemessener geistiger und kultureller Bedürfnisse, KFZ (umständehalber, z. B.: entlegene Wohngegend) und angemessener Hausrat dürfen aber behalten werden.
Häuser oder Eigentumswohnungen, die dem eigenen Wohnbedarf dienen, müssen nicht verwertet werden. Da es sich bei einer Immobilie allerdings um einen Vermögenswert handelt, kann nach einer sechsmonatigen Schonfrist eine Sicherstellung im Grundbuch zum Zweck der Ersatzforderung durch die Bezirksverwaltungsbehörde erfolgen.

Quelle:
ÖMSB Österreichische Multiple Sklerose Bibliothek

Andreas Seiser